OGS IST BILDUNG! Was man über den Offenen Ganztag wissen sollte!

Die vier Schulleitungen der Emsdettener Offenen Ganztagsgrundschulen in Kreisel-Trägerschaft beantworten dazu Fragen.

Der Rechtsanspruch für Familien auf einen OGS-Platz steht quasi vor der Tür. Die Umsetzung ist für Land und Kommunen eine echte Herausforderung: Räume, Finanzen und Fachkräfte sind knapp und gleichzeitig wächst der Bedarf stetig.

Die Landespolitik äußert, dass der quantitative Ausbau des Offenen Ganztags im Fokus stehen wird. Frau Feller als NRW-Bildungsministerin und Frau Paul als Familienministerin betonen außerdem, dass zusätzliche finanzielle Mittel für die Finanzierung der OGS Trotz Rechtsanspruch nicht zu erwarten seien. Der Kreisel e.V., der aktuell für die Stadt Emsdetten an vier Grundschulen und insgesamt an 17 Schulen den Offenen Ganztag durchführt, befürchtet gemeinsam mit den jeweiligen Schulleitungen drastische qualitative Einbußen, so dass sie den Auftrag der OGS künftig gefährdet sehen. Häufig wird OGS lediglich mit Nachmittagsbetreuung gleichgesetzt – selten ist bewusst, dass OGS sehr viel mehr beinhaltet. Was genau ist also der Auftrag der Offenen Ganztagsschulen? Die Schulleitungen Jutta Tschöpe-Wilp (Johannesschule), Carla Dobenecker/Thomas Kollenberg (Schule Hollingen), Heike Weßeler (Josefschule) und Eva-Maria Winter (Emanuel-von-Ketteler-Schule) beantworten diese Fragen.

Offene Ganztagsschulen verfolgen die Ziele der Bildungsförderung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Letzteres ist jedem bewusst, aber was genau ist eigentlich mit Bildungsförderung gemeint?

Tschöpe-Wilp: „Der Offene Ganztag geht über den regulären Unterricht hinaus und bietet Kindern zusätzliche Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten. So findet beispielsweise auch während der Hausaufgabenzeiten eine individuelle Förderung statt. Ebenso komplettieren die AG-Angebote die Bildungsförderung im Ganztag. Kinder werden in der Offenen Ganztagsschule mit ihren individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen gesehen, unterstützt und gefördert.“

Der Unterschied zu einer Übermittagsbetreuung, welche ja auch an jeder Grundschule angeboten wird, liegt in der kürzeren Betreuungszeit. Gibt es weitere Unterscheidungsmerkmale?

Tschöpe-Wilp: „Die Übermittagsbetreuung deckt den Zeitraum zwischen Unterrichtsschluss und 13.30 Uhr ab. In dieser Zeit können die Kinder frei spielen. Möglich sind auch begleitete Angebote von Seiten des Betreuungspersonals. Es wird kein Mittagessen und keine Hausaufgabenbetreuung angeboten. Eltern und Erziehungsberechtigte entscheiden, ob, an welchen Tagen und wie lange an den jeweiligen Tagen ihre Kinder die Übermittagsbetreuung besuchen.

Wenn Eltern sich für den Offenen Ganztag einer Schule entscheiden, dann können die Kinder bis 16.30 Uhr in der Schule betreut werden. Verpflichtend ist eine Teilnahme an fünf Tagen der Woche. In diesem Zeitraum sind freie Spielzeiten, das gemeinsamen Mittagessen und die Hausaufgabenbetreuung verankert. Zudem können die Kinder zwischen verschiedenen AG-Angeboten wählen, die im Nachmittag durchgeführt werden. Ebenso garantiert eine Teilnahme am Offenen Ganztag die Betreuung der Kinder in einem Großteil der Ferienzeiten.“

Man hört immer wieder von der wichtigen Verzahnung zwischen dem Vormittag und dem Nachmittag. Können Sie das genauer erklären?

Winter: „Verzahnung meint die Verknüpfung des Unterrichts mit den außerunterrichtlichen Angeboten der OGS. Dies geschieht durch die Kooperation zwischen Lehrkräften und pädagogischem Personal. Es findet ein regelmäßiger Austausch bezüglich der Entwicklung der Kinder statt. Dies geschieht durch die Teilnahme des OGS-Personals an Lehrerkonferenzen und durch regelmäßige Besprechungen mit Schulleitung und Klassenlehrkräften. Das Lehrpersonal wiederum beteiligt sich an der Hausaufgabenbetreuung und in Arbeitsgemeinschaften. Außerdem gibt es eine Vielfalt von Aktivitäten, die gemeinsam durchgeführt werden, wie Familienfeste, Elternabende und andere Aktionen. Die OGS ist ein unabtrennbarer Teil der Schule!“

Wie würden Sie die heutigen Bedarfe der Kinder beschreiben und was bedeutet das für die Arbeit des Offenen Ganztags?

Winter: „Für eine gesunde Entwicklung und um glücklich Aufzuwachsen, brauchen Kinder immer Aufmerksamkeit, Zuwendung, Sicherheit und Verlässlichkeit in einer abwechslungsreichen und anregungsstarken Spiel- und Lernumgebung. Die OGS bietet einen strukturierten Tagesablauf und vielfältige Bildungs- sowie Freizeitangebote. Nicht zuletzt durch die Coronazeit haben wir gesehen, wie wichtig soziale Kontakte für Kinder heute sind. Die Gestaltung einer positiven gemeinschaftlichen Kultur in einer Gruppe von Kindern ist ein wichtiges Ziel der OGS-Arbeit.“

Ab 2026 soll es einen Rechtsanspruch für Eltern auf einen OGS-Platz geben. Das Land signalisiert, dass aufgrund der schwierigen Finanzlage vor allem der quantitative Ausbau im Fokus steht und dass nicht mit zusätzlichen Finanzmitteln für die OGS zu rechnen ist. Was löst diese Vorstellung bei Ihnen aus?

Weßeler: „Der Erfolg der Grundschule als offener Ganztagsschule liegt darin begründet, dass hier Eltern bisher ein qualifiziertes Angebot für die Betreuung ihrer Kinder gemacht wird.  Eltern können guten Gewissens das OGS Angebot annehmen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss nicht mehr mit einem schlechten Gewissen ihren Kindern gegenüber verbunden sein. Die Qualität dieses Angebots künftig zugunsten der Quantität aufs Spiel zu setzen ist m.E. eine „Mogelpackung“ und müsste mindestens sehr transparent kommuniziert werden. Im Interesse der Kinder sollten wir weiterhin bemüht sein, qualifizierte Betreuung anzubieten. Indiviuduelle Betreuung, differenzierte Förderung, persönliche Begleitung in Erziehungsfragen, fachlich kompetente Zusammenarbeit mit Kindern, Eltern und Kollegium sollten wir nicht reduzieren lassen auf eine Aufbewahrung der Kinder.“

Welche Auswirkungen hätten Konsolidierungsmaßnahmen wie Reduktion der Betreuungszeiten und keine oder weniger Neubewilligungen weiterer OGS-Gruppen? 

Weßeler: „Räumlich sind an unserer Schule, der Josefschule, bisher keine weiteren OGS-Gruppen möglich. Das bedeutet für uns schon jetzt, dass Kinder, deren Eltern nicht aufgrund ihrer Berufstätigkeit einen Anspruch auf den Platz anmelden können, gegebenenfalls. abgelehnt werden müssen. Kinder, die zum Beispiel aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse dringend einen Platz im Offenen Ganztag benötigen, um weitere Gelegenheiten zu haben, die Sprache zu lernen, können hier erst nachrangig berücksichtigt werden. Im Notfall vorstellbar wäre aus meiner Sicht, dem Wunsch von Eltern zu entsprechen, die ihre Kinder gern an drei statt an 5 Tagen in der Woche betreut wissen wollen. Damit müsste das pädagogische Konzept der OGS verändert werden, aber dann könnten Gruppen mit mehr Kindern belegt werden, die nicht alle an allen 5 Tagen da sind. Unter den gegebenen Bedingungen Gruppen mit mehr Kindern als bisher zu belegen halte ich für nicht möglich. Ich persönlich bin sehr dankbar für das Gruppensystem des Kreisel e.V., weil damit sichergestellt ist, dass jedes Kind eine feste Bezugsperson hat. Unsere Arbeit ist in erster Linie Beziehungsarbeit, und eine gute Vertrauensbasis aller Beteiligten zueinander ist wichtige Voraussetzung für Bildungsarbeit. Eine Umstellung auf ein ganz freies Konzept zugunsten einer höheren Platzzahl geht meines Erachtens zu Lasten der Qualität. Differenzierte Förderung ist nur möglich, wenn die Fachkraft als Gruppenleitung das Kind gut genug kennt und nach Rücksprache mit der Klassenleitung auf dieser Grundlage gut entscheiden kann, welche Maßnahmen in jedem Einzelfall sinnvoll, angemessen und erforderlich sind.“

Man könnte auf die Idee kommen, dass man in Zeiten von knappen Mitteln und Fachkräftemangel mit der Abschaffung des Fachkräftegebotes eine Lösung für beide Probleme hätte. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Dobenecker/Kollenberg: „Autonomieerleben, Kompetenzerleben, soziale Einbindung, emotionale Beteiligung, Lernfreude und Rhythmisierung sind wichtige Grunderfahrungen von Kindern, damit sie sich möglichst gut entwickeln können. Der Anteil dieser lernunterstützenden Faktoren am Bildungstag eines Kindes sollte so hoch wie möglich sein und somit nicht nur wichtiger Bestandteil des Unterrichts am Vormittag, sondern auch des Offenen Ganztags sein. Ein gelungener Bildungstag erstreckt sich über alle Lebensbereiche. Gleichzeitig bieten ihnen die Pädagogen im Ganztag mit hoher Autonomieunterstützung, hoher Binnendifferenzierung und Fürsorge genau die Unterstützung, die gelingendes Lernen braucht. Dieses umzusetzen ist aber eben nur mit pädagogisch ausgebildetem Fachpersonal möglich.“

Es ist deutlich geworden, dass pädagogisch ausgebildetes Personal für den Offenen Ganztags unverzichtbar ist. Wie aber kann dem Fachkräftemangel begegnet werden?

Dobenecker/Kollenberg: „Ganztagsschulen müssen als attraktive Arbeitsorte profiliert werden. Fachkräfte arbeiten hier in multiprofessionellen Teams, die von gemeinsamen Konzepten und starken Kooperationen geprägt sind. Die Stellen müssen für Fachkräfte attraktiver werden, indem die Stundenumfänge in der OGS erhöht werden. Außerdem muss es den Trägern ermöglicht werden, Berufspraktikanten adäquat zu entlohnen und in berufliche Aus- und Weiterbildung zu investieren. Eine Vereinfachung von Fachkräftezuwanderung aus dem Ausland und deren Ausbildungsanerkennung hier in Deutschland wären sicher auch weitere unterstützende Faktoren.

Wie sähe die Offene Ganztagsschule der Zukunft aus, die Sie Kindern und Eltern wünschen würden? 

Dobenecker/Kollenberg: „Das wäre eine Schule mit einer engen Verzahnung von Unterricht am Vormittag und Betreuung am Nachmittag, in der allen Kindern ein Platz ermöglicht wird.  Es müsste noch mehr Zeit zur Verfügung stehen, um die Zusammenarbeit zu intensivieren und das Gesamtsystem Offene Ganztagsschule kontinuierlich weiter zu entwickeln. Wir wünschen uns mehr Flexibilität für berufstägige Eltern bezüglich der Betreuungszeiten. Und bei Neubauten von Schulen sollten Qualitätskriterien für die Raumgestaltung und Ausstattung von Ganztagsschulen festgelegt werden.“

Tschöpe-Wilp: „Für Kinder, Eltern, Lehrkräfte und Mitarbeiter des Offenen Ganztags wünsche ich mir eine eng verzahnte Schule, die ein lebenswerter Ort für alle am Schulleben Beteiligte ist.“

Winter: „Eine qualitativ hochwertige OGS Betreuung mit einem am Kind orientierten personellen sowie inhaltlichem Angebot. OGS musss als Bildungs- und Lebensort wahr- und ernstgenommen werden.“

Frau Rosendahl, welche Botschaft haben Sie als Vorstand des Kreisel e.V.?

Ich wünsche mir, dass in der Bevölkerung die Botschaft „OGS ist Schule und somit Bildung!“ deutlicher ins Bewusstsein rückt. Deshalb habe ich explizit die Schulleitungen gebeten, die obigen Fragen zu beantworten und ich danke sehr für die Ausführungen. Alle Entscheidungsträger sollten sich also sehr bewusst sein, dass jede Einsparung im Offenen Ganztag ein Sparen auf Kosten der Bildung bedeutet. Und das passt nicht zu dem vereinbarten Koalitionsvertrag der Landesregierung, wonach NRW als ´das soziale Gewissen Deutschlands` erklärt wird. Ich hoffe also sehr, dass die Landesregierung sich selbst beim Wort nimmt und es nicht schon wieder die Familien und die Kinder sind, auf deren Rücken Krise bewältigt wird.“

Um daran zu erinnern, hat sich der Kreisel e.V. an der Kampagne „NRW bleib sozial!“ gemeinsam mit 25.000 weiteren Fachkräften vor dem Düsseldorfer Landtag beteiligt. Weitere Informationen zu den Offenen Ganztagsschulen beim Kreisel e.V. gibt es auf www.kreisel-emsdetten.de.

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